Göttingen, 27. April 2026
„Goldener Glanz und der Reiz des Schattens“ übertitelten die Göttinger Händel-Festspiele ihr diesjähriges Eröffnungskonzert in der Alten Aula der Universität Göttingen. Es ist eines der Highlights der Festspiele, denn gestaltet von der international gefeierten russischen Sopranistin Julia Lezhneva und dem renommierten Schweizer Lautenisten Luca Pianca, war es ein glanzvoller Auftakt, der Publikum und Kritik gleichermaßen begeisterte.
Man hört immer wieder von Künstlern, die “für das Singen geboren wurden”. Selten jedoch ist das so wörtlich zu nehmen wie in ihrem Fall. Ihr wurde schon eine Opernkarriere prophezeit, als sie 1989 im Krankenhaus der russischen Insel Sachalin das Licht der Welt erblickte. “Ich muss gleich nach der Entbindung so plötzlich losgebrüllt haben, dass mich der Arzt beinahe hätte fallen lassen und zu meiner Mutter sagte, ich sei eine geborene Opernsängerin! Stellen Sie sich das vor! Ganz erstaunlich!” erzählte sie einmal in einem Interview.
Die Barockzeit wird oft als „Goldenes Zeitalter“ betrachtet, in dem Kultur und Kunst boomten Das Programm „Goldene Zeiten“, mit dem Lezhneva und Pianca seit dem vergangenen Jahr international unterwegs sind, haben die beiden Künstler sorgfältig ausgewählt und führen die Zuschauer mit großer stilistischer Bandbreite auf eine faszinierende Reise durch rund 150 Jahre Lautenmusik – von den Anfängen der italienischen Monodie bis hin zu den expressiven Werken des Barock.
Die in den vergangenen 15 Jahren vielfach mit wichtigen Musikpreisen wie dem ECHO Klassik ausgezeichnete Julia Lezhneva überzeugte mit ihrer außergewöhnlichen stimmlichen Brillanz, technischer Perfektion und einer tief empfundenen Musikalität. Ihre Interpretationen der Werke von Caccini, Monteverdi, Mazzocchi, Carissimi und Vivaldi zeichneten sich durch eine enorme Ausdruckskraft und eine feinsinnige Gestaltung der musikalischen Affekte aus. Besonders hervorzuheben ist ihre Fähigkeit, die emotionalen Nuancen der Texte mit subtilen Verzierungen und einer natürlichen, nie gekünstelten Phrasierung zum Leben zu erwecken.
Bereits der Beginn mit Caccinis „Dolcissimo sospiro“ war ein Ereignis: Lezhneva verstand es, die Sinnlichkeit und das affektgeladene Storytelling der frühen italienischen Musik eindrucksvoll zu vermitteln. Ihre Stimme schwebte mühelos über den filigranen Klängen der Laute und verlieh jedem Stück eine individuelle, berührende Note. Luca Pianca, einer der führenden Lautenisten unserer Zeit, erwies sich als kongenialer Partner. |
Der Schüler Harnoncourts und Mitgründer des Mailänder Ensembles Giardino Armonico spielte mit großer stilistischer Sicherheit und einer beeindruckenden Kenntnis der historischen Aufführungspraxis. Er entfaltete auf seinem Instrument einen Farbenreichtum, der die Vielschichtigkeit der Lautenmusik eindrucksvoll zur Geltung brachte, auch wenn die Akustik der Alten Universitätsaula dies nicht optimal widerspiegelte. Pianca verstand es an diesem Abend, sowohl die festlichen als auch die intimen Seiten der Musik zu beleuchten. Seine Interpretationen der selten gehörten Werke aus der Sammlung Goëss-Ebenthal gegen Ende der Veranstaltung waren ein Höhepunkt des Abends und zeigten, wie vielschichtig und lebendig die Lautenmusik des 17. und 18. Jahrhunderts sein kann. Besonders in den Solostücken offenbart Pianca eine Virtuosität, die nie Selbstzweck ist, sondern dem Ausdruck und der musikalischen Aussage dient. Das Zusammenspiel zwischen Lezhneva und Pianca war von einer seltenen Intensität und gegenseitigen Inspiration geprägt. Die beiden Künstler verstanden es, die Kontraste zwischen Licht und Schatten, zwischen festlicher Pracht und melancholischer Tiefe, eindrucksvoll herauszuarbeiten.
Die bereits erwähnte gekonnte Auswahl des Repertoires – von den radikalen, avantgardistischen Florentinern um Caccini bis zu den emotional aufgeladenen Werken Monteverdis und Vivaldis – ermöglichte es den begeisterten Zuhörern, die Entwicklung der Lautenmusik und des solistischen Gesangs in all ihren Facetten zu erleben. Beeindruckend war die musikalische Darstellung des Wortes „ombra/Schatten“ in Vivaldis Solo-Kantate, bei der Lezhneva und Pianca gemeinsam die dramatische Tiefe und die klangliche Raffinesse der Musik ausloteten.
Das Konzert wurde so nicht nur zum musikalischen Hochgenuss, sondern war auch eine Einladung, die Musikgeschichte endlich etwas differenzierter zu betrachten und zu Unrecht vergessene Meister wie Bernia, Melli oder Mazzocchi neu zu entdecken. Programme wie „Goldene Zeiten“ von Lezhneva und Pianca leuchten die Musikgeschichte neu aus und machen deutlich, wie viel es abseits der bekannten Namen zu entdecken gibt. Beide Künstler setzten mit ihrem Auftakt-Auftritt Maßstäbe und zeigten eindrucksvoll, wie lebendig und relevant Alte Musik heute sein kann.
Summa summarum schafften es Julia Lezhneva und Luca Pianca mit ihrem Konzert einen glanzvollen, inspirierenden Auftakt der Händel-Festspiele 2026 zu setzen, der durch ihre künstlerische Exzellenz, stilistische Vielfalt und tief empfundene Liebe zur Musik bestach. Das Publikum dankte mit langanhaltendem Applaus und zeigte sich begeistert von der besonderen Qualität und Ausdruckskraft dieses Abends.
© Nilgün Burgucu |