Ratschläge für Musik & Oper

Händel-Festspiele in Halle

Zwischen Tradition und Wagnis

Händel in Halle

(c) Thomas Ziegl

Iim Spannungsfeld von Experiment und Bewahrung

Halle, 8. Juni 2026

Die Händel-Festspiele Halle haben sich in den vergangenen Jahrzehnten als eines der bedeutendsten Barockmusik-Festivals Europas etabliert. Jedes Jahr im Juni verwandelt sich die Geburtsstadt Georg Friedrich Händels in einen Pilgerort für Liebhaber der Alten Musik, und auch in diesem Jahr zog das Festival wieder Tausende Besucher aus aller Welt an. Die diesjährige Ausgabe stand unter dem Motto Mannsbilder: Helden, Herrscher, Herzensbrecher.


Was die Händel-Festspiele von anderen Barockfestivals unterscheidet, ist ihre einzigartige Verwurzelung im authentischen Lebensraum der Jugendzeit des Komponisten, bevor er nach Hamburg, dann nach Italien aufbrach und schließlich - in seinen besten Jahren - London zu seinem Lebensmittelpunkt machte. „Dem Komponisten so nah“ sagt das Programm und in den Gassen der Altstadt von Halle an der Saale, in der Marktkirche, in der Händel einst getauft wurde, und im barocken Ambiente historischer Spielstätten, entfaltet die Musik eine Aura, die anderswo kaum zu reproduzieren ist. Das Festival nutzt diese topografische Nähe zum Genius Loci virtuos aus und bespielt Orte, die weit über das übliche Konzerthaus-Repertoire hinausgehen.

Rinaldo

(c) Anna Kolata

Festspieloper Rinaldo: Ein Abend der Widersprüche

Die zentrale Opernproduktion eines jeden Festspieljahres bildet das künstlerische Herzstück des Festivals. In diesem Jahr fiel die Wahl auf Händels Rinaldo – jene Oper, mit der dem jungen Komponisten 1711 als Twen in London der sensationelle Durchbruch gelang. Aaron Hill, der Londoner Theaterleiter, konzipierte die publikumswirksame Handlung, der Italiener Giacomo Rossi schrieb das Libretto auf der Basis von Torquato Tassos „Gerusalemme liberata“. Eine solche Arbeitsteilung war zu Beginn des 18. Jahrhunderts typisch für den Londoner Opernbetrieb. Meist arbeiteten die Akteure mit atemberaubendem Tempo am Werk – viele Details in Musik, Text und Darstellung wurden während der Proben erarbeitet und es gab fast einen Wettlauf zwischen Rossi und Händel bei der Fertigstellung der Oper binnen weniger Wochen. Ein Werk voller Magie, Kriegsgetöse und virtuoser Arien, dass die Möglichkeiten des barocken Musiktheaters bis an ihre Grenzen ausreizt. Die Erwartungen waren entsprechend hoch.

Rinaldo

(c) Anna Kolata

Eine Inszenierung auf der Suche nach sich selbst

Die Neuproduktion im Opernhaus Halle hinterließ indes einen zwiespältigen Eindruck, denn die Regie von Intendant Walter Sutcliffe setzte bei der erfolgreichen Londoner Genesis des Werks an und überführte das Kreuzzugssujet des Librettos in eine barocke Opernprobe, bei der die Rollen entsprechend umgeschrieben wurden. So mussten sich die Hauptdarsteller statt als Kampfbeteiligte bei der Schlacht um Jerusalems als Darsteller ins barocke Theaterleben einordnen.

Was anfangs schon wegen der schönen Kostüme und des ansprechenden Bühnenbilds gut beim Publikum ankam, wurde im Laufe der Vorführung zunehmend fragwürdig. Da die Untertitelung teils an die durch die Neuinszenierung angepassten Texte angepasst wurde, war es für Zuschauer, die mit der Oper nicht oder wenig vertraut waren, schwer, dem Verlauf zu folgen. Vielleicht sollte deshalb an die eigentliche Handlung der Oper erinnert werden. Bei der Aufführung in Halle handelte es sich um die erste Fassung aus dem Jahr 1711, die historische Kriegswirren mit einer Liebesgeschichte und fantastischen Zauberelementen verbindet.

Im ersten Akt geht es um den Kampf um Jerusalem, das von einem Heer christlicher Kreuzfahrer unter Feldherr Goffredo belagert wird. Dieser hatte seinem tapferen Ritter Rinaldo die Hand seiner Tochter Almirena versprochen, sobald die Stadt erobert ist. Doch dessen sarazenischer Herrscher Argante fordert einen dreitägigen Waffenstillstand. Er wird unterstützt von seiner Geliebten, der mächtigen syrischen Königin und Zauberin Armida. Die weiß, dass es nur möglich ist die Stadt zu retten, wenn es gelingt, Rinaldo zu schwächen und entführt deshalb Almirena durch eine magische Finsternis, mit der sie Rinaldo ablenkt. Rinaldo sucht darauf Hilfe beim christlichen Magier Mago, doch auf dem Weg zu ihm locken ihn Armidas Sirenen in die Gefangenschaft.

Almirena beklagt derweilen gefangen in Armidas Zauberschloss ihr Schicksal mit Händels berühmter und auch in seinen anderen Werken gern verwendeten Arie „Lascia ch’io pianga“. Argante verliebt sich in Almirena und verspricht ihr die Freiheit und Armida verliebt sich in Rinaldo und versucht ihn vergebens in Gestalt von Almirena zu verführen. Als Argante der vermeintlichen Almirena seine Liebe gesteht, verwandelt diese sich zurück in Armida und rast vor Wut. Die Feinde der Christen sind nun zerstritten. Im dritten Akt folgen Befreiung und – wie sollte es im christlichen Abendland beim lieto fine anders sein – die Bekehrung, nachdem Goffredo und sein Bruder Eustazio mit Hilfe Magos die Festung Armidas stürmen. Rinaldo kann verhindern, dass Armida Almirena aus Rache tötet und dann werden die Gefangenen befreit. Die Entscheidungsschlacht um Jerusalem gewinnen die Kreuzritter dank Rinaldos Tapferkeit. Argante und Armida landen in Gefangenschaft, doch da sie ihre Taten bereuen und zum Christentum konvertieren, werden sie begnadigt. Zum Happyend dürfen Rinaldo und Almirena endlich heiraten.

Nicht so in Halle, wo sich in der Inszenierung des Briten Sutcliffe mit dem Bühnenbild einer Theaterbühne präsentiert, die vor den Logen platziert und eingedreht wird. Es geht in dieser Inszenierung einer Inszenierung ebenfalls um besagte Händeloper Rinaldo, die Händel dabei zusammen mit dem Theaterleiter auf die Bühne bringen will. Statt blutiger Kreuzzug und einer Zauberatmosphäre landen wir in der Welt der Oper mit ihren Tricks, Theaterdonner und Divenkampf. Die Kreuzritter werden zu Schauspielern und die Regie oszilliert zwischen statischen Tableaux und hektischer Betriebsamkeit, ohne dabei zu einem schlüssigen Ganzen zu finden.

Rinaldo

(c) Anna Kolata

Wenn das Konzept die Musik erdrückt

Besonders problematisch erschien der Umgang mit den Zauberszenen, die im Rinaldo eine zentrale Rolle spielen. Händel komponierte für diese Momente einige seiner atmosphärisch dichtesten Nummern, wie die berühmte Arie „Lascia ch'io pianga", die der Gefangenschaft Almirenas entspringt. Zwar fehlt diese Magie in der Inszenierung, da es sich um eine Probe auf der Bühne handelt, dennoch begeistert die Musik Händels und der einfühlsame Sopran von Ensemblemitglied Franziska Krötenheerdt das Publikum und es lässt sich emotional mitreißen. Eigentlich passt die neue Konstellation der Stars auf der Opernbühne mit einem Krieg der Diven ja doch ganz gut zu dem Kampf um Rinaldo, den Almirena mit der stimmgewaltigen jungen österreichischen Koloratursopranistin Vanessa Waldhart als verführerische Armida ausfechten muss, die mit emotionaler Wucht der Musik ein gewisses Maß an dämonischer Intensität verlieh. Auch das Bühnenbild von Hartmut Schörghofer und die immer wieder üppigen Barock-Kostüme von Dorota Karolczak waren ausgezeichnet für die Neufassung der Geschichte gewählt und sorgten beim Publikum für Begeisterung..

Rinaldo

(c) Anna Kolata

Musikalische Exzellenz im Widerstreit

Was den Abend sehens- und hörenswert machte, war die musikalische Seite. Das Händelfestspielorchester, ein Spezialorchester aus Musikern der Staatskapelle Halle unter Michael Hofstetter, bewegte sich mit Verve und historisch informierter Präzision durch Händels Partitur, die Continuo-Gruppe setzte differenzierte Akzente, und die Streicher fanden zu jener federnden Eleganz, die barocke Opernmusik zum Atmen bringt. Die Besetzung der Sänger bot durchweg hohes Niveau: Christopher Lowrey in der anspruchsvollen Titelpartie überzeugte mit makelloser Technik, darstellerischer Präsenz und guter Kondition. Als Eustazio, der auf der Bühne die Rolle des Händel verkörpern musste, hatte man den jungen Schweizer Countertenor Constantin Zimmermann besetzt, der zusammen mit der sicher und überzeugend singenden und agierenden Yulia Sokolik in der Partie des Aaron Hill die Aufführung mit Proben und Einladung der Gönner, heute würde man sie Sponsoren nennen, am Laufen halten mussten.

So bleib schlussendlich der Kontrast – zwischen musikalischer Hingabe und szenischer Umdeutung – trotz der Kritik - für die Besucher nicht unbefriedigend. Gut tat, wer sich zwei verschiedene Aufführungen des Rinaldo anschaute, die beide bei den Hallenser Händel-Festspielen zu sehen waren: zuerst die etwas verkürzte Aufführung als Marionettentheater im Goethe-Theater Bad Lauchstädt als Vorbereitung, die das Stück so zeigte, wie es geschreiben war und anschließend die umgedeutete Oper in der Oper Halle. Manche Opernfreunde nutzten diese Chance und wurden mit erstklassigen Solisten und Orchestern belohnt. So konnte die Musik weiterhin von Leidenschaft, Sehnsucht und Verwandlung erzählen, und was szenisch in Halle zur Theaterprobe wurde, kam in Bad Lauchstädt aus theatral angelegte großes Schlachtgemälde auf die Bühne.

Goethe-Theater Bad Lauchstädt

(c) Michael Ritter

Goethe-Theater Bad Lauchstädt: Ein magischer Ort

Etwa zwanzig Kilometer südwestlich von Halle liegt ein Kleinod deutscher Theatergeschichte, das im Rahmen der Händel-Festspiele regelmäßig bespielt wird: das Goethe-Theater in Bad Lauchstädt. Das 1802 eröffnete Haus ist eines der wenigen erhaltenen Theater aus der Goethe-Zeit und bietet mit seiner intimen Atmosphäre, der originalen Bühnentechnik und der warmen Holzakustik ideale Bedingungen für Barockoper.

Wo Geschichte lebendig wird

Schon das Theater an sich ist eine Zeitreise, denn wer es durch das klassizistische Portal betritt, kommt in einen Raum, in dem die Vergangenheit nicht museal konserviert, sondern als lebendige Gegenwart erfahrbar wird. Die Ränge sind steil, die Sitze schmal, die Sicht von überall intim. Die Bühne, kaum größer als ein großzügiges Wohnzimmer, zwingt jede normale Opernproduktion zur Konzentration aufs Wesentliche. Drehbühne, Versenkung, elektronischen Spielereien sucht man hier vergebens, denn es regiert das handwerkliche Theater, das mit Kerzenlicht und Soffitten, mit Verwandlungsdekorationen und Prospekten arbeitet, wie es zu Händels Zeiten üblich war.

Die Entscheidung der Festspielleitung, Bad Lauchstädt als zweite Opernspielstätte zu etablieren, verdient höchstes Lob. Das kleine Theater bietet Produktionen die Möglichkeit, dem historischen Aufführungskontext nahezukommen, ohne in museale Sterilität zu verfallen.

Die Akustik begünstigt Kammermusik und Barockensembles, die ohne elektronische Verstärkung spielen; die Nähe zum Publikum schafft jene Unmittelbarkeit, die in modernen Opernsälen oft verloren geht.

Wie schon gesagt, hatte man das Theater am Tag nach der Rinaldo-Premiere in der Oper Halle für eine Aufführung der Oper mit der lautten compagney Berlin und dem Mailänder Puppentheater Carlo Colla e Figli genutzt. Wer nicht das Glück hatte der Aufführung zu folgen, dem sei die erstklassige bei Naxos/Arthaus erschienene DVD ans Herz gelegt, die man mit anderer Besetzung der Solisten bei Bilibili streamen kann.



Ariodante

(c) lautten compagney/Axel Nixdorf

Ein Triumph des Puppentheaters

Am Montag stand dann die Aufführung von Händels Ariodante auf dem Spielplan des Goethe-Theaters. Schon seit vielen Jahren arbeiten die beiden Ensembles zusammen. Nach dem bereits erwähnten Rinaldo im Jahr 2011 folgte 2017 Giustino und jetzt Ariodante als gemeinsame Produktion mit den Händel-Festspielen Halle und dem Stadttheater Schaffhausen. Wie schon bei Rinaldo und tags drauf Giustino setzte die lautten compagney BERLIN unter Leitung von Wolfgang Katschner die verkürzte Oper in Kooperation mit dem Mailänder Puppentheater Carlo Colla e Figli um. Es waren – schnell ausverkauft - zweifellos die Höhepunkte dieser Festspiele. Was an diesem Nachmittag im idyllischen Bad Lauchstädt mit seinem schönen Park und den kleinen heimeligen Bauten zu erleben war, sprengte alle Kategorien und hinterließ das Publikum in einem Zustand glückseliger Verzauberung.

lautten compagney

(c) Robert Paul Kothe

lautten compagney: Virtuosen des barocken Klangs

Wolfgang Katschner hat mit seinem Ensemble in über drei Jahrzehnten bewiesen, dass historische Aufführungspraxis und künstlerische Lebendigkeit keine Gegensätze sind. Die lautten compagney BERLIN gehört zu den führenden Barockensembles Deutschlands und hat sich durch innovative Projekte, die Alte Musik mit anderen Kunstformen verbinden, einen unverwechselbaren Ruf erarbeitet. Ob mit Tanz, Film oder eben Puppenspiel – Katschner und seine Mitstreiter suchen stets nach neuen Wegen, die emotionale Kraft barocker Musik für ein heutiges Publikum erfahrbar zu machen.

Für den Ariodante hatte Katschner eine Fassung erarbeitet, die den dreistündigen Opernabend auf etwa zwei Stunden verdichtete, ohne das Werk seiner dramatischen Substanz zu berauben. Die Streichungen betrafen vor allem Da-capo-Wiederholungen und einige Rezitative; die großen Arien blieben vollständig erhalten. Das Orchester spielte mit einer Intensität und Farbigkeit, die von der ersten Note an in den Bann zog. Die Continuo-Gruppe – mit Lauten, Theorben, Barockgitarre, Cembalo und Orgelpositiv besetzt – erzeugte ein flirrend-reiches Klanggewebe, das jedem Moment individuellen Charakter verlieh.

Carlo Colla e Figli: Eine Dynastie der Marionetten

Das Compagnia Marionettistica Carlo Colla e Figli aus Mailand blickt auf eine Geschichte zurück, die bis ins Jahr 1835 reicht. Über fast zwei Jahrhunderte hat diese außergewöhnliche Familie die Kunst der Marionette kultiviert, verfeinert und in eine Höhe geführt, die weltweit ihresgleichen sucht. Die Marionetten – zwischen 80 und 120 Zentimetern groß, aufwendig kostümiert und mit erstaunlicher anatomischer Detailtreue gefertigt – werden von oben geführt, wobei bis zu zwölf Fäden pro Figur eine Beweglichkeit ermöglichen, die das Holz zum Atmen zu bringen scheint.

Die Compagnia hat sich in den letzten Jahrzehnten besonders durch Opernproduktionen profiliert und arbeitet regelmäßig mit renommierten Ensembles und Theatern zusammen. Ihr Repertoire umfasst Werke von Monteverdi bis Strawinsky; die Begegnung mit Händel war kein Neuland, denn schon 2014 hatte man den Rinaldo im Schlosstheater Ludwigsburg auf die Bühne gebracht. Sehr schön war die Möglichkeit gleich drei Opern Händels an den Festspiel-Nachmittagen in Bad Lauchstädt im Rahmen der Händel-Festspiele zu erleben.

Wolfgang Katschner

(c) lautten compagney/Simon Ackers

Die Magie der unbelebten Körper

Hinter den Kulissen

(c) Simon Ackers(lautten compagney

Was an diesem Ariodante so außergewöhnlich war, lässt sich schwer in Worte fassen. Es war, als öffnete sich eine Tür in eine Parallelwelt, in der die Gesetze des gewöhnlichen Theaters außer Kraft gesetzt sind. Die Marionetten – Ariodante, Ginevra, Polinesso, Dalinda und all die anderen – entwickelten vom ersten Augenblick an eine Präsenz, die weit über das hinausging, was man von „Puppen" erwarten würde. Sie wurden zu Wesen, deren Regungen man mit angehaltenem Atem verfolgte.

Die Puppenspieler agierten im Verborgenen auf einer Empore über der Bühne mit einer Präzision und Einfühlsamkeit, die jeder Phrase der Musik, jedem Affektwechsel folgte. Wenn Ariodante in seiner großen Verzweiflungsarie die Hoffnung verliert, senkte die Marionette nicht einfach den Kopf – sie schien in sich zusammenzusinken, als erlösche in ihr jedes Lebensfeuer. Wenn Ginevra ihre Unschuld beteuerte, vibrierte ihre ganze Gestalt mit der Inbrunst der Musik.

Ariodante

(c) lautten compagney/Axel Nixdorf

Szenen von überwältigender Schönheit

Der zweite Akt, der zu den dramatisch intensivsten Abschnitten der gesamten Barockoper zählt, geriet zur Sternstunde des Nachmittags. Ariodante, der glaubt, Ginevra sei ihm untreu geworden, stürzt in tiefste Verzweiflung. Händel hat für diesen Moment eine der erschütterndsten Szenen der Operngeschichte geschrieben: Nach der traurigen Sinfonia, die den Morgennebel eines schottischen Waldes evoziert, folgt die Arie „Scherza infida", ein langsames Stück von abgrundtiefer Melancholie, in dem der Held mit seinem Schicksal hadert.

Die Marionette des Ariodante durchmaß in dieser Szene eine Landschaft der Trauer, die das Publikum in atemlose Stille versetzte. Das Bühnenbild verwandelte sich in einen Ort zwischen Wachen und Traum. Die Figur bewegte sich wie in Zeitlupe, jede Geste ein Seufzer, jede Wendung ein stummer Schrei.

Als sie schließlich niedersank und der letzte Akkord verklang, herrschte sekundenlange Stille – jene kostbare Stille, die nur entsteht, wenn Kunst das Herz berührt hat.

Nicht minder eindrucksvoll gelang die Ballettszene des ersten Aktes, in der Händel die Freuden der Liebe musikalisch feiert. Die Mailänder Compagnia zeigte hier eine Meisterschaft des choreografischen Puppenspiels, die selbst Skeptiker bekehrte. Die tanzenden Marionetten – leichtfüßig, anmutig, von überschäumender Lebensfreude – führten Figuren aus, die jeden menschlichen Tänzer vor Neid erblassen lassen würden. Es war, als habe jemand die Schwerkraft außer Kraft gesetzt.

Stimmen, die den Figuren Leben einhauchen

Die Sänger, auf beiden Seiten der Galerie nahe der Bühne platziert, erfüllten ihre Aufgabe mit bewundernswerter Hingabe und Präsenz. Coline Dutilleul in der Titelpartie des Ariodante, eines fürstlichen Vasallen des Königs sang mit dunklem, beweglichem Timbre und gestaltete jeden Affekt mit innerer Wahrhaftigkeit. Ihre Koloraturen waren makellos, aber nie reiner Selbstzweck sondern von beeindruckendem Ausdruck. Hanna Herfurtner als Königstochter Ginevra, Verlobte des Ariodante brachte die verletzliche Würde der zu Unrecht Beschuldigten berührend zum Klingen und Julia Böhme in der Partie des Polinesso, verlieh dem intriganten Herzog von Albanien eine seidig-gefährliche Eleganz. Ebenfalls stimmlich voll und ganz überzeugend Frieda Jolande Barck als Ginevras Hofdame Dalinda, Gwilym Bowen als Bruder Aridodantes und der stimmgewaltige Bass von Magnus Piontek als König von Schottland.

Dass die Sänger nicht auf der Bühne agierten, sondern als Stimmen präsent waren, die den Marionetten live gesungen Leben einhauchten, erwies sich als Glücksfall, denn so entstand eine magische Symbiose: Die Stimmen verliehen den Puppen Seele, die Puppen gaben den Stimmen Körper. Die übliche Diskrepanz zwischen musikalischem Ausdruck und szenischer Aktion, die so viele Opernproduktionen plagt, war hier aufgehoben. Die Marionetten konnten Dinge tun, die kein menschlicher Darsteller vermag – schweben, sich in unmögliche Posen falten, mit ihrer Körperlichkeit spielen, ohne an physiologische Grenzen zu stoßen. Und doch wirkten sie niemals abstrakt oder entfremdet, sondern erschienen als idealisierte Verkörperungen menschlicher Gefühle.

Die Alchemie eines einzigartigen Nachmittags

Was diesen Ariodante so unvergesslich machte, war die Verschmelzung aller Elemente zu einem Kunstwerk, das größer war als die Summe seiner Teile. Die Musik der lautten compagney – warm, pulsierend, in jedem Moment atmend. Die Marionetten von Carlo Colla e Figli – Wesen zwischen Traum und Wirklichkeit, deren künstliche Natur zur Quelle ihrer Ausdruckskraft wurde. Die Stimmen der Sänger – fast unsichtbare Seelen, die den unbelebten Körpern Atem einhauchten. Das Goethe-Theater mit seiner intimen Akustik und seinem historischen Zauber. Und nicht zuletzt Wolfgang Katschner, dessen Dirigat mit Umsicht und Leidenschaft alle Fäden zusammenführte.

Es ist selten, dass Aufführungen jenen Moment der Transzendenz erreichen, in dem die Grenzen zwischen Bühne und Zuschauerraum, zwischen Kunst und Leben verschwimmen. An diesem Abend in Bad Lauchstädt geschah genau das. Als nach dem triumphalen Schlusschor der Applaus losbrach, hatten viele Zuschauer Tränen in den Augen – nicht nur vor Rührung, sondern auch vor Dankbarkeit für das Geschenk, Zeuge eines solchen Wunders gewesen zu sein. Besonders die Puppenspieler, die das Pubikum dann erstmals zu Gesicht bekam, wurden mit glückspendendem Applaus verabschiedet.

Ariodante

(c) lautten compagney/Axel Nixdorf

Reflexionen über das Wesen der Barockoper

Der Kontrast zwischen den beiden Opernproduktionen dieser Festspiele könnte kaum größer sein – und er wirft grundsätzliche Fragen auf. Was bedeutet es, heute Barockoper aufzuführen? Wie viel Regietheater verträgt ein historisches Werk? Wo endet legitime Interpretation, wo beginnt Übergriffigkeit?

Die Rinaldo-Inszenierung stand stellvertretend für eine Tendenz, die seit Jahren nicht nur das Musiktheater prägt: den Versuch, alte Stoffe durch radikale Umdeutung „relevant" zu machen oder neu zu erzählen. Das Anliegen ist verständlich – Barockopern mit ihren mythologischen Sujets, ihren starren dramaturgischen Konventionen und ihren überlangen Arien können für ein heutiges Publikum zunächst fremd wirken. Die Versuchung liegt nahe, durch Eingriffe Brücken zu bauen.

Doch die Bad Lauchstädter Ariodante zeigte, dass es auch anders geht. Hier wurde nichts im üblichen Sinne „aktualisiert"– und doch berührte die Aufführung tiefer als alle vermeintlich zeitgemäßen Konzepte. Das Puppentheater, eine jahrhundertealte Kunstform, erwies sich als ideales Medium für Händels Affektdramaturgie. Die Marionetten sind von Natur aus stilisiert, künstlich, „unecht" – und gerade deshalb können sie Gefühle in einer Reinheit verkörpern, die dem natüralistisch agierenden Menschen oft versagt bleibt.

Die Händel-Festspiele als Labor der Barockoper

Was diese Festspiele so wertvoll macht, ist ihre Bereitschaft, unterschiedliche Ansätze zu erproben. Ein Festival, das nur das Bewährte pflegt, erstarrt; eines, das nur auf Innovation setzt, verliert den Boden unter den Füßen. Halle bietet Raum für beides – für das riskante Experiment ebenso wie für die behutsame Entdeckung.

Dass in diesem Jahr das behutsame Format triumphierte, ist keine Absage an die Moderne, sondern eine Erinnerung an das Wesentliche: dass Kunst dann am stärksten wirkt, wenn Form und Inhalt zur Deckung kommen. Die lautten compagney und Carlo Colla e Figli haben keine Antithese zur Regietheater-Moderne formuliert – sie haben gezeigt, dass es Wege gibt, die wir noch gar nicht beschritten haben. Das Puppentheater als Opernmedium ist keine Regression, sondern eine Erweiterung des Möglichkeitsraums.

Die Händel-Festspiele täten gut daran, diesen Weg weiterzuverfolgen. Das Goethe-Theater Bad Lauchstädt hat sich als ideale Spielstätte für alternative Produktionsformen erwiesen; die Zusammenarbeit mit internationalen Spezialensembles wie der Compagnia Carlo Colla eröffnet Perspektiven, die anderswo kaum zu realisieren wären. Vielleicht liegt gerade in dieser Nische – im intimen Format, im historischen Raum, in der Zusammenführung verschiedener Künste – die Zukunft des Festivals.

Ausblick und Dank

Die Händel-Festspiele 2026 haben einmal mehr bewiesen, dass Händels Musik nichts von ihrer Kraft verloren hat. Ob in der kritischen Befragung einer problematischen Operninszenierung oder im glückseligen Staunen vor einem Meisterwerk des Puppentheaters – die Begegnung mit diesem Komponisten bleibt eine Bereicherung. Dass in seiner Geburtsstadt jedes Jahr aufs Neue der Versuch unternommen wird, sein Erbe lebendig zu halten, verdient Anerkennung und Unterstützung.

Besonderer Dank gebührt allen, die den Ariodante in Bad Lauchstädt möglich gemacht haben: Wolfgang Katschner und der lautten compagney für ihre unermüdliche Suche nach neuen Wegen; den Künstlern von Carlo Colla e Figli für ihre atemberaubende Handwerkskunst; den Sängern für ihre dienende Hingabe; dem Team des Goethe-Theaters für die liebevolle Pflege dieses einzigartigen Ortes. Dieser Abend wird allen, die dabei sein durften, als Sternstunde in Erinnerung bleiben.

Die Musik Händels, so lehrte uns dieser Abend, braucht keine Rechtfertigung durch Aktualisierung. Sie muss nur den Raum bekommen, in dem sie wirken kann. In Bad Lauchstädt, in der Magie des Puppenspiels, in der liebevollen Zuwendung aller Beteiligten, hat sie diesen Raum gefunden – und hat uns daran erinnert, warum wir Kunst brauchen.

© Michael Ritter

Ariodante

(c) lautten compagney/Axel Nixdorf

(c) Connaisseur & Gourmet 2026