Händels Tamerlano in Göttingen
Octavia
(c) Anna Kolata
Die Händel-Festspiele Göttingen haben eine lange Tradition. Händel hat die Stadt nie besucht, aber das hat die Leute nicht davon abgehalten, die Stadt im südlichen Niedersachsen zu einem Zentrum für Händel-Wiederentdeckung zu machen. Oskar Hagen, ein Kunsthistoriker und Amateurmusiker, der an der Universität lehrte, gründete die Festspiele. Er machte die Stadt zum Pionier für Festspiele Alter Musik und zum Wegbereiter der Händel-Renaissance im 20. Jahrhundert. "Rodelinda", Händels dritte Oper, stand damals als erste Oper des Meisters nach fast 200 Jahren Pause auf dem Spielplan. Und das als deutsche Erstaufführung, nicht im italienischen Original.
Die Qualität der Festspiele heute hat mit dem Anfang definitiv nichts gemein. Die Titelrolle sang Hagens Frau, den Rest des Ensembles und das Orchester rekrutierte Hagen aus Kreisen der Georg-August-Universität. Im Laufe der Jahrzehnte hat sich die Situation verbessert. Mit Sir John Eliot Gardiner, der mit seinem Monteverdi Choir ein Barockensemble der Spitzenklasse geschaffen hatte, kam 1980 ein vehementer Vertreter der historischen Aufführungspraxis als künstlerischer Leiter nach Göttingen. Tamerlano, die diesjährige Festspieloper, war bereits 1985 Teil von Gardiners Programm.
Auch die Produktion von 2025 hat das Potenzial, dem Werk auf spannende Weise neues Leben einzuhauchen. Unter der künstlerischen Leitung des Griechen George Petrou, der als führender Händel-Experte gilt und die Leitung 2022 übernahm und bis 2031 unter Vertrag steht, konnte das Publikum eine exzellente Darbietung des Ensembles erleben, das unter der Regie der Italienerin Rosetta Cucchi in der rund vierstündigen Oper hervorragend aufeinander abgestimmt agierte.
Tamerlano ist nicht nur ein historisches Drama, sondern thematisiert auch in unserer Zeit universelle Konflikte: Machtmissbrauch, familiäre Loyalität und die Grenzen der menschlichen Freiheit. Die psychologische Tiefe der Charaktere könnte ein wesentlicher Aspekt sein, der die Oper auch für das heutige Publikum relevant macht. Cucchi hat es verstanden, historische Treue zur Musik mit einer frischen Inszenierung zu verbinden, die von einem optisch reduzierten, modernen Bühnenbild gekrönt wird.
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(c) Anna Kolata
Tamerlano
Die packende Oper aus dem Jahr 1724 wird als eines der bedeutendsten Werke des Barocks angesehen und übt bis heute eine besondere Faszination aus, die auf ihrer dramatischen Intensität und emotionalen Tiefe beruht. Das Drama verbindet die Themen Eroberung, Hass und emotionale Abgründe in einer psychologisch verdichteten, eindringlichen modernen Inszenierung. Sie erzählt die Geschichte des mongolischen Eroberers Tamerlan (Timur), der in einen Macht- und Liebeskonflikt mit dem besiegten osmanischen Sultan Bajazet gerät. Dies eröffnet vielversprechende Möglichkeiten für eine spannende musikalische Inszenierung. |
in ihrer Stimmlage und Stimmführung ganz unterschiedlichen Countertenöre herausragende Arien geschrieben. Schillernd der vom US-Amerikaner Lawrence Zacco verkörperte Tamerlano, eine ambivalente Figur zwischen Macht und Verletzlichkeit, meist mit einer heftigen Prise Wahnsinn, feinfühlig, virtuos und stimmlich sehr variabel. Beeindruckend lyrisch und ausdrucksstark der Ukrainer Yuriy Mynenko in der Partie des Andronico, der versucht als Vermittler das Beste aus der verfahrenen Situation herauszuholen. Gut gefallen hat uns der weltweit erprobte Lawrence Zacco, der den in kritischen Situationen durchbrechenden Wahnsinn des Protagonisten eindrucksvoll und glaubhaft verkörperte und seine Untergebenen mit selbstherrlicher Arroganz quälte. Ein Verhalten, das seine durch die Statisten verkörperten Untergebenen freudig kopieren. Zum Beispiel als sich die ebenfalls arrogant und anmaßend agierende Irene als Botin ihrer selbst vorstellt: erst wird sie vom gelangweilten Tamerlano gemaßregelt, wie kürzlich der ukrainische Präsident Selenskyj im Weißen Haus vom US-Präsidenten, und dann auch noch von seiner Entourage, die ihr die Sessel vor der Nase entzog, was an den verbalen Nachschlag des US-Hillbilly Vance erinnerte. Wahrscheinlich war die Überzeichnung gewollt, um den Bezug zur Jetztzeit in den Köpfen der Betrachter hervorzurufen. |
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