Auf Klosterreise durch den Harz
Klosterhotel Wöltingerrode
Schlosshotel Wöltingerode
(c) Michael Ritter
Klosterleben im Harz
Goslar, August 2026
Der Harz ist nicht nur ein Gebirge, sondern ein Gedächtnis. Wer durch seine Täler wandert, durch die Wälder streift oder in den kleinen Städten des Harzvorlandes verweilt, der begegnet überall den Spuren einer jahrtausendealten Geschichte - und nirgends wird diese Geschichte greifbarer als in den Klöstern, die sich wie ein stiller Kranz um das Gebirge legen. Walkenried, Wöltingerrode, Bad Gandersheim, Brunshausen: Diese Namen klingen wie Kapitel aus einem mittelalterlichen Geschichtsbuch, und tatsächlich sind sie das. Doch die Geschichte dieser Klöster ist nicht abgeschlossen. Sie lebt weiter - in alten Mauern, in gepflegten Kräutergärten, im Duft von Kräuterbrand und frisch gebrautem Klosterbier, in Rezepten, die Mönche und Nonnen über Generationen weitergegeben haben.
Dachboden des alten Klosters Wöltingerride
(c) Michael Ritter
Ein neuer Blickwinkel
Im düsteren Mittelalter beherbergte das Harzvorland eines der dichtesten Netze an Klöstern in Norddeutschland. Fruchtbare Böden, viel Wald und zahlreiche Bäche machten das Gebiet in strategisch günstiger Lage an den alten Handelswegen attraktiv für religiöse Gemeinschaften aller Art - Zisterzienser, Benediktiner, Benediktinerinnen, später auch Reformationsvertreter, die alte Klöster in evangelische Stifte umwandelten. Jede dieser Gemeinschaften hinterließ Spuren: in der Architektur, in der Landschaft, in der Kultur und nicht zuletzt in der Küche.
Die Ruinen des Klosters Walkenried
(c) Michael Ritter
Walkenried
Im südlichsten Zipfel des Landkreises Göttingen, dort wo der Harz in sanfte Hügel zur Goldenen Aue ausläuft und das Tal der Oder das Gebirge verlässt, liegt Walkenried - Heimat eines der bedeutendsten Zisterzienserklöster Norddeutschlands. Gegründet im Jahr 1127 durch Mönche aus dem Kloster Kamp am Niederrhein, entwickelte sich das Kloster Walkenried binnen weniger Jahre zu einem wirtschaftlichen und geistlichen Zentrum von überregionaler Bedeutung und gründete mit Pforta bei Naumburg und Sittichenbach bei Eisleben schon bald eigene Tochterklöster. |
Nach der Reformation und der Säkularisation des Klosters im 16. Jahrhundert verschwanden viele dieser Traditionen, doch der Geist der Zisterzienser ist in Walkenried bis heute spürbar. Das Museum im Kapitelsaal dokumentiert die Geschichte des Klosters, und in der Region finden sich Bestrebungen, alte klösterliche Handwerke wiederzubeleben. Der Kräutergarten, der in den letzten Jahren an der Klosteranlage neu angelegt wurde, erinnert an die immense Bedeutung, die heilkundige Mönche der Pflanzenwelt beimaßen. Melisse, Baldrian, Eisenkraut, Liebstöckel und Hunderte anderer Kräuter wurden hier kultiviert - für die Apotheke ebenso wie für die Küche und die Destille. |
Verkostung in der Klosterbrennerei Wöltingerrode
(c) Michael Ritter
Wöltingerrode
Deutlich weniger bekannt als Walkenried, aber nicht weniger interessant, ist das Kloster Wöltingerrode bei Goslar. Rund ein halbes Jahrhundert nach Walkenried wurde es als Niederlassung der Benediktiner gegründet, doch schon wenige Zeit später in ein Zisterzienserinnenkloster umgewandelt. Lange führte das Kloster ein bescheideneres Dasein im Schatten des mächtigeren Walkenried. Dennoch war auch Wöltingerrode ein aktives klösterliches Wirtschaftszentrum: Die Nonnen erstellten Handschriften und Buchmalerei, betrieben erfolgreich Landwirtschaft, nutzten die Wasserkraft der nahen Bäche für Mühlen und Schmieden und pflegten eine eigene Kräuterkultur, die der medizinischen Versorgung der Umgebung diente. |
Getränke mit mehr als 15% Alkohol wurden erst möglich, nachdem Arnaldus de Villanova von einem Kreuzzug das Geheimnis der Destillation nach Europa brachte. Bei der Destillation werden leichter verdampfbare Flüssigkeiten von schweren verdampfbaren Flüssigkeiten getrennt. Kein Brennvorgang gleicht dem anderen. Das Gespür des Brennmeisters und seine Erfahrungen sind ein wesentlicher Faktor für die Qualität des feinen Brandes. Gebrannt wird in zwei Durchgängen. Nach dem ersten Brennvorgang hat man den Rohbrand oder Raubrand, der dann unverändert ein zweites Mal gebrannt wird. |
Bad Gandersheimer Dom

Von Traveler100 - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link
Bad Gandersheim
Keine andere klösterliche Gründung im Harzvorland hat mehr Geschichte geschrieben als das Stift Gandersheim. Es ist schon einige Jahrhunderte älter und wurde im Jahr 852 von den Liudolfingern - dem Geschlecht, das wenig später als Ottonen Könige und Kaiser stellen sollte - gegründet. Gandersheim entwickelte sich zu einem der einflussreichsten Frauenstifter des mittelalterlichen Reiches. Es war - wie in späteren Zeiten Wöltingerrode - kein Kloster im strengen Sinne, sondern ein Damenstift, in dem adlige Frauen ein geistliches Leben führen konnten, ohne den engen Beschränkungen des Ordenswesens zu unterliegen. Sie behielten ihren eigenen Besitz, konnten das Stift verlassen, um zu heiraten, und genossen eine Bildung, die für Frauen ihrer Zeit außergewöhnlich war. |
Neben den intellektuellen Traditionen pflegte das Stift aber auch wirtschaftliche Kompetenz. Gandersheim besaß ausgedehnte Ländereien, Mühlen, Fischteiche und - in späteren Jahrhunderten gut belegt - einen eigenen Weinberg und eine Brauerei. Während man heute meist nur Hybrid-Reben in Regionen nördlich des 50. Breitengrads anbaut, war bis zu Zeiten des Westfälischen Friedens, der den verheerenden Dreißigjährigen Krieg beendete, Weinbau in der Region weit verbreitet. Zwar war der Stiftswein bescheiden im Vergleich zu den schon damals namhaften und großen Rheinweinen, doch hatte er symbolischen Wert: Er war Ausdruck des Reichtums und der Selbstständigkeit einer Institution, die sich stets als ebenbürtig mit den großen Abteien des Reiches verstand. Auch Kräuterliköre und Destillate gehörten zum wirtschaftlichen Repertoire des Stiftes, auch wenn die genauen Rezepte der Nachwelt verloren gegangen sind. |
Kloster Brunshausen

Von Foto: Axel Hindemith, CC BY 3.0, Link
Brunshausen
Nur einen Kilometer von Bad Gandersheim entfernt liegt Brunshausen. Dort kann man sich auf eine Zeitreise zu den Anfängen der Gandersheimer Geschichte begeben, denn hier lag die erste Heimat des späteren Stifts, an dem die Liudolfingerin Oda und ihr Gemahl Liudulf um das Jahr 852 eine erste klösterliche Gemeinschaft gründeten, deren Sitz später nach Gandersheim verlegt wurde. Doch das kleine Kloster in Brunshausen blieb bestehen, erst als Priorat des Gandersheimer Stifts und später mit einer eigenen Wirtschaftsstruktur. |
Nach Frankreich zurückgekehrt schrieb er sein bedrückendes Buch Das Menschengeschlecht, das Leben und Sterben im KZ und auf dem Transport schildert. Es wurde zum autobiographischen Standardwerk über die industrielle Massenvernichtung. Antelmes Sprachstil vermittelt einen guten Eindruck der Todesmaschinerie. Er selbst war durch die erlebten Gräuel ein gebrochener Mann. Heute erinnert in der Klosterkirche und in Teilen der Klostergebäudes ein Museum an die Geschichte Brunshausens, des Stiftes Gandersheim und auch der kurzen KZ-Vergangenheit. |
Cornelia und Florian Mangold in ihrem Café
(c) Michael Ritter
Brau- und Destillationskunst
Im Harzvorland spiegelt sich die Geschichte in einer Reihe von regionalen Spezialitäten wider. Der Harzer Kräuterlikör ist dabei vielleicht die bekannteste Spezialität der Region. Auf Basis verschiedener Wildkräuter, die auf den Wiesen und in den Wäldern des Harz und seines Vorlands gesammelt werden - Waldmeister, Schafgarbe, Wermut, Thymian, Quendel, wilder Majoran - stellte man ein Destillat her, das sowohl als Digestif als auch als Hausmittel bekannt ist. Manche der heute noch erhältlichen Rezepturen gehen auf klösterliche Überlieferungen zurück. Wenige Kilometer von Walkenried entfernt liegt die traditionsreiche Destillerie Nordhausen. Auch sie hat Niedersachsen-Bezug, nachdem Ernst Albrecht, der einstige Ministerpräsident des Landes und Vater der EU-Ratspräsidentin Ursula von der Leyen, im Jahr 1991 den einst größten Spirituosenhersteller der DDR als Vorsitzender des Aufsichtsrats und Miteigentümer übernahm. Später wurde das erfolgreiche Unternehmen Teil der ihrerseits von Rotkäppchen-Mumm übernommenen Eckes AG.. Nordhausen ist vor allem für ihren Korn bekannt - den Nordhäuser Doppelkorn, der seit dem 16. Jahrhundert hergestellt wird und als einer der ältesten deutschen Kornbrände gilt. Dass die Tradition der der Klöster später in die weltlichen Brennerei eingeflossen ist, kann man vielerorts erfahren. Die Mönche lehrten, die Laien perfektionierten - und was einst als Heilmittel begann, wurde zur später zur regionalen Spezialität. |
Wie Schottland und Irland ist auch der Harz traditionell eher eine "Arme-Leute-Region", die durch diverse Landesherren regelrecht ausgeplündert wurde und wo man der Natur die Lebensgrundlagen mühevoll abringen musste. Das Klima eignete sich gut für Gerste, das durch seine Granen robuste aber undankbarste Getreide. Da viele Bewohner des Harzes im Bergbau arbeiteten, hatten sie als Bergfreiheiten einige Privilegien, wie die Befreiung vom Wehrdienst und das steuerfreie Brau- und Brennrecht. War das Ergebnis der Brände damals meist nur für den Hausgebrauch, hat sind bei den neuen Brennern das Ergebnis deutlich perfektioniert. Der Elsburn der Manufaktur gilt als mildester Whiskey der Region. Seinen Namen hat er vom Tal der Els, die durch Zorge fließt. Mit Emperor’ s Way hat man dort einen holzgeräucherten Single Mal im Angebot, der auf die Hochmoore und den Torf des Oberharz verweist. Damals mussten Kaiser und Könige im Mittelalter hier auf ihren Reisen zu den Pfalzen und Reichstagen vorbeikommen. |
Harzer Roller

Von Elke Wetzig - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, Link
Der Harzer Roller
Kein Artikel über klösterliche Nahrung im Harz und seinem Vorland wäre vollständig ohne den Harzer Roller. Dieser kleinen, schroffen Käsesorte aus Sauermilch verdankt die Region einen Ruf weit über die deutschen Grenzen hinaus. Manchmal nennt man ihn auch Hand- oder Körnerkäse und er ist eines der wenigen deutschen Lebensmittel mit geschützter geografischer Angabe. Hergestellt wird er traditionell ohne Zugabe von Lab. Es ist die natürliche Milchsäuregärung, die ihm Unverwechselbarkeit verleiht, die er durch seinen kräftig-säuerlichen Geschmack hat. Auch die Klöster pflegten ihre eigene Käsekultur und perfektionierten die Kunst der Milchverarbeitung auf ihren Gütern. |
Für die Klöster waren Bienen nicht nur als ein frommes Haustier, sondern wirtschaftliche Ressource. Bienenwachs brauchte man für die Kerzen - Strom gab es noch nicht - und diese waren ein Grundbedürfnis jeder nicht nur religiösen Gemeinschaft. |
Hospiz Großes Heiliges Kreuz Goslar
(c) Michael Ritter
Verbindende Elemente
Doch was verbindet die besuchten Klöster, wie Walkenried, Wöltingerrode und Brunshausen miteinander? Sie zeigen, dass Gemeinschaft, Handwerk und Spiritualität keine Gegensätze sein müssen. Die Klöster waren nicht wirtschaftlich erfolgreich trotz ihrer religiösen Ausrichtung, sondern wegen ihr. Es war das Bewusstsein von Verantwortung für das Land, die Menschen und die Zukunft, die Mönche und Nonnen oft stärker zu Leistungen antrieb als den herrschenden Adel. Auch in Landwirtschaft, Handwerk und Wissenschaft. |
Vieles davon scheint fast untergegangen, doch einige Stätten, wie Harzer Klöster und Traditionsbetriebe haben dieses Bewusstsein über Jahrhunderte kultiviert. Die Ruinen, verwandelten Gebäude, restaurierten Kirchen sind deshalb keine toten Denkmäler, sondern lebendige Erinnerungen. Und ihre aus der Tradition erwachsenen Produkte sind aktive Beiträge zu einer regionalen Identität, die sich ihrer Geschichte bewusst ist und aus ihr Kraft schöpft. |
Gose-Bier im Alten Brauhaus
(c) Michael Ritter
(c) Connaisseur & Gourmet 2026


