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Sardiniens Küsten und Berge - blaues Meer und Kalk

Honour Grand Staircase of the Palace of Caserta

Sardiniens Norden

Nuoro, 14. April 2026 - Sardiniens Norden ist eine faszinierende Mischung aus smaragdgrüner Küste und dem wilden, ungezähmten Herzen der Insel. Während die Strände der Costa Smeralda für Glamour stehen, bietet das Hinterland der Barbagia eine tiefe, kulturelle Authentizität.

Die Küste beeindruckt mit bizarren Granitformationen wie am Capo Testa oder im geheimnisvollen Valle della Luna. Nur eine kurze Fahrt ins Landesinnere verwandelt sich die Landschaft in das schroffe Supramonte-Gebirge, ein Paradies für Wanderer mit tiefen Schluchten wie der Gola Gorropu.

Costa Smeralda

Costa Smeralda

Sardiniens wildes Herz: Beginn einer Reise

Wer Sardinien verstehen will, muss das Meer verlassen. Während die Smaragdküste im Norden mit Luxus und Yachten lockt, verbirgt sich im Hinterland, in der Region Barbagia, die eigentliche Seele der Insel. Es ist eine Welt aus kargem Kalkstein, jahrhundertealten Traditionen und einer Gastfreundschaft, die so rau und herzlich ist wie die Landschaft selbst.

Capo Testa

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Im Landesinneren

Unsere Reise beginnt an der Küste. Der Norden Sardiniens ist geprägt von den Kräften des Windes. Am Capo Testa, nahe Santa Teresa Gallura, hat der Mistral den Granit in Skulpturen verwandelt, die wie erstarrte Fabelwesen wirken. Das Valle della Luna, in den 70ern von Hippies entdeckt, strahlt noch heute eine archaische Ruhe aus. Doch so verlockend das türkisfarbene Wasser auch ist, der Blick richtet sich nach Süden, dorthin, wo die Berge den Horizont dominieren.

Orgosolo

Orgosolo, murales politici, fabrizio de andrè

Orgosolo: Die Chronik des Widerstands

Fährt man tiefer in die Barbagia, erreicht man Orgosolo. Der Ort haftet lange an seinem Ruf als „Banditendorf“, geprägt durch die Isolation und den Widerstand gegen äußere Mächte. Doch Orgosolo ist heute vor allem eines: eine gigantische Leinwand. Über 150 Murales zieren die Fassaden. Was 1968 mit einer Gruppe von Anarchisten begann und 1975 durch den Lehrer Francesco Del Casino zum festen Bestandteil des Dorfbildes wurde, ist heute ein politisches Archiv. Die Malereien sind keine bloße Dekoration. Sie schreien gegen den Krieg in Vietnam, thematisieren die Not der Hirten, gedenken des 11. Septembers oder kritisieren die soziale Ungerechtigkeit. Wer durch die steilen Gassen geht, liest die Geschichte der Welt durch die Augen der Sarden. Es ist ein Ort des Stolzes, der zeigt: Wir lassen uns nicht vergessen.

Die Murales von Orgosolo sind damit eine Art steinernes Geschichtsbuch des sardischen Widerstands und der Weltpolitik. Was mit der anarchistischen Mailänder Theatergruppe Dioniso begann, die im Zuge der Studentenproteste das erste Wandbild schuf., wurde 1975 intensiviert durch den örtlichen Kunstlehrer Francesco, der seine Schüler dafür gewann, das Dorf großflächig zu bemalen, was anfangs eine Aktion zum 30. Jahrestag des Kampfs der Partisanen gegen den Faschismus begann hat in den Jahren zu mehr als 150 Werken geführt, die sich all in drei Hauptkategorien unterteilen lassen:

Politischer Widerstand

Ein Meilenstein war der Protest gegen den geplanten NATO-Truppenübungsplatz auf dem Pratobello. Auch globale Ereignisse wie der Vietnamkrieg, das Attentat vom 11. September, die Flüchtlingskrise oder Julian Assange werden thematisiert.


Das harte Leben der Hirten

Viele Bilder dokumentieren den Alltag in der Barbagia – Frauen beim Brotbacken, Hirten bei der Arbeit oder Szenen lokaler Feste. Filmliebhaber denken dabei vielleicht an den Film Padre Padrone der Brüder Taviani aus dem Jahr 1977, der die allmähliche Befreiung eines jungen Mannes aus der jahrelangen Unterdrückung durch seinen Vater beschreibt.

Soziale Kritik

Auch Korruption, Kapitalismus und staatliche Vernachlässigung werden in den Murales oft mit scharfer Ironie oder Karikaturen dargestellt.

Der künstlerische Stil ist oft vom Kubismus inspiriert und erinnert an Picassos „Guernica“. Typisch sind ausdrucksstarke Gesichter und überdimensional große Hände. Viele Murales sind zudem textlastig, da die geschriebene Botschaft oft wichtiger ist als das Motiv selbst. Die Wände „sprechen“ bis heute, da ständig neue Bilder zu aktuellen Themen wie dem Klimawandel oder der Pandemie hinzukommen.

Nuoro

Vista di Nuoro dal monte Ortobene

Nuoro: Das kulturelle Epizentrum

Nur einen Katzensprung entfernt liegt Nuoro, das „sardische Athen“. Der Beiname entstand Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, als Nuoro eine kulturelle Blütezeit erlebte, die für eine Stadt dieser Größe in einer so abgelegenen Region außergewöhnlich war. Eine Gruppe von Intellektuellen, Dichtern und Künstlern machte die Stadt europaweit bekannt. Herausragend dabei die hier 1871 geborene Grazia Deledda, die 1926 als bisher einzige Italienerin den Literaturnobelpreis verliehen bekam. In Romanen wie „Schilf im Wind“ beschrieb sie das archaische Leben, die strengen Sitten und die wilde Natur ihrer Heimat mit fast fotografischer Detailtreue. In ihrem Geburtshaus spürt man in den Manuskripten und Erinnerungsstücken den Geist einer Frau, die das harte Leben der Barbagia in die Weltliteratur trug. Aber auch Sebastiano Satta war ein bedeutender Jurist und der bekannteste sardische Dichter, dem auf der gleichnamigen Piazza ein Denkmal gesetzt wurde und der 12 Jahre jüngere Bildhauer

Francesco Ciusa erlangte mit seinem 1907 im Stil des symbolischen Realismus entstandenen Werk „Die Mutter des Getöteten“ Weltruhm. Eine Figur, die an die Pieta erinnert, in der Maria um den toten Jesus trauert. Das Drama wird nicht geschrien, sondern liegt im Gleichgewicht der Figuren, kontrollierten Gesten und Sensibilität im Detail.

Die Stadt klammert sich an den Hang des Monte Ortobene. Hier wird deutlich, dass Sardinien weit mehr ist als eine Urlaubsinsel; es ist ein Ort tiefgreifender Literatur und Kunst. Ein Muss ist das Museo Etnografico Sardo auf dem Hügel Sant'Onofrio, das bedeutendste seiner Art auf der Insel. Es wurde so entworfen, dass es wie ein kleines sardisches Dorf mit Innenhöfen und Arkaden wirkt. Hier sieht man die prachtvollen Trachten, die archaischen aus schwarzem Holz handgefertigten Masken der Mamuthones, die bei den Karnevalsriten im nahen Mamoiada zum Leben erwachen und versteht die komplexe Symbolik der sardischen Identität.

Supramonte

Supramonte view-from-Punta-Sos-Nidos-to-North-East

Das Supramonte-Massiv

Su Gologone

(c) Michael Ritter

Wildnis in Kalkstein - Hinter Nuoro beginnt das Supramonte-Gebirge. Es ist eine der einsamsten Gegenden Europas. Tiefe Schluchten wie die Gola Gorropu, der „Grand Canyon Europas“, schneiden sich durch den weißen Kalkstein. Hier oben regieren Adler und Mufflons. Es ist ein Terrain für Grenzgänger, für Wanderer, die die Stille suchen und keine Angst vor unmarkierten Pfaden haben.

Hotel Su Gologone - Ein Fest der Sinne

Nach der Wildnis der Berge wirkt das Hotel Su Gologone wie eine Fata Morgana. Nahe der tiefblauen Karstquelle gelegen, ist dieses Haus weit mehr als eine Unterkunft – es ist eine Liebeserklärung an Sardinien. Gründerin Giovanna Palimodde hat hier ein Gesamtkunstwerk geschaffen. Jede Ecke atmet Kunst: handgestickte Kissen, azurblaue Keramik und Terrassen, die über dem Tal zu schweben scheinen. Wenn abends das Spanferkel Porceddu über dem offenen Feuer brutzelt und dazu ein schwerer, tiefroter Cannonau serviert wird, verschmelzen Kultur, Landschaft und Genuss. Es ist der Ort, an dem man den Staub der Wanderung ablegt und den Geist der Insel in sich aufsaugt.

Cannonau

Agne27, CC BY-SA 3.0 , via Wikimedia Commons

Die Weine Sardiniens

Der Cannonau wächst am besten weiter südlich in den Bergen im rauen Zentrum Sardiniens, während der Norden für seine eleganten Weißweine berühmt ist, Cannonau gilt als „Lebenselixier“ der Inselbewohner. Er macht etwa 30 % der gesamten Rebfläche aus und gilt als eine der ältesten Rebsorten des Mittelmeerraums. Genetisch entspricht er dem international bekannteren Grenache. In der als „Blue Zone“ bezeichneten Region Barbagia/Ogliastra sagt man ihm eine gesundheitsfördernde Wirkung nach, die wir gerne glauben möchten. Der Grund für diese Behauptung sind die Antioxydantien, die er in bis zu dreifach höherer Konzentration enthält. Die Einheimischen sind davon überzeugt, dass sein Genuss zu ihrem langen Leben beiträgt. Doch auch ohne lebensverlängernde Eigenschaften lohnt er den Genuss durch Vollmundigkeit und Wärme, auch sein Alkoholgehalt oft recht hoch ist. Die Aromen reichen von reifen Waldfrüchten und Pflaumen bis hin zu würzigen Noten von Pfeffer und Tabak. Der Nepente di Oliena ist ein besonderer Cannonau, der aus der Nähe des Hotels Su Gologone stammt.

Schon der Dichter Gabriele d’Annunzio besang ihn als eine der edelsten Varianten.

Doch zurück zum weißen Gold des Nordens, dem Vermentino di Gallura, Es ist der einzige Wein Sardiniens, der das prestigeträchtige DOCG-Siegel tragen darf. Die Reben wachsen auf verwitterten Granitböden nahe der See und die Kombination aus mineralischem Untergrund und salziger Meeresbrise durch den ständigen Wind verleiht ihm seinen einzigartigen Charakter. Geschmacklich weißt er Nuancen von gelben Früchten, Zitrusnoten und mediterranen Kräutern wie Myrte und Rosmarin auf und zeigt am Gaumen eine markante Mineralität und oft einen leicht bitteren Mandel-Nachgeschmack. Er passt ideal als Begleiter zu Meeresfrüchten, gegrilltem Fisch oder als eleganter Aperitif, den man auch gut beim Abendessen im Su Gologone genießen kann, dass in seinem Restaurant eine gute Auswahl an erstklassigen Vertretern seiner Art anbietet.

© Michael Ritter

Nuoro

Monti - Cantina sociale del Vermentino (02)

(c) Connaisseur & Gourmet 2026