Ratschläge für Musik & Oper

Barocke Mandolinenklänge

Alon Sariel

(c) Händel Festspiele Göttingen/Marc Rodenberg

Schon der Name der Mandoline zeugt von südlicher Wärme und Überschwang, doch sie bietet mehr als gezupfte folkloristische Atmosphäre, denn man findet sie in fast allen Musikgenres ihrer Zeit. Vivaldi schrieb ein Konzert dafür und auch im deutschsprachigen Raum haben sie Mozart und Beethoven ebenfalls bedacht, wie Mahler und Schönberg. Die Mandolinenorchester als „Sinfonieorchester des kleinen Mannes“ waren bei deutschen Arbeitern sehr geliebt und mehr noch als die größere Gitarre passte sie für Wandervögel in jeden Rucksack.

Marcin Swiatkiewicz

(c) Händel Festspiele Göttingen

Seit 2008 wählen die deutschen Landesmusikräte jedes Jahr gemeinsam ein „Instrument des Jahres“. Dieses Jahr wurde es die menschliche Stimme, aber vor zwei Jahren kürten sie die Mandoline. Fast jedes Bundesland hatte dafür einen eigenen Schirmherrn gestimmt, der ein eigenes Programm entwickeln sollte, um die zahlreichen Facetten des Instruments bekannter zu machen. Vielleicht ist der Israeli Avi Avital dafür verantwortlich, denn er rückte das agile Zupfinstrument seit den 2010er Jahren auch bei uns in den Fokus der Aufmerksamkeit und zeigte, dass sie mehr zu bieten hat und auch Klezmer, Barock und zeitgenössische Klassik bereichern kann. Avital stammt aus Be’er Scheve, dass sich gerne Hauptstadt der Mandoline nennt- 2011 errang Avital als erster Mandolinist eine begehrte Grammy-Nominierung. Großes Interesse fanden auch seine Transkriptionen von Konzerten, die eigentlich für Violine oder Cembalo geschrieben wurden.

Auch Avitals gleichaltriger Landsmann Alon Sariel kommt aus der israelischen Mandolinen-Hochburg und bearbeitet Werke der barocken Komponisten gerne für die zahlreichen von ihn gespielten Zupfinstrumente um. Der in Hannover lebende Musiker beeindruckte 2023 bei Pentatone mit seinen Alben Plucked Bach, in denen er demonstrierte, wie „vielsaitig“ sich diese einsetzen lassen, als er Bachs Cellosuiten für sechs verschiedene Zupfinstrumente transkribierte. Bachs berühmte Toccata und Fuge d-moll BWV 565 schrieb er mit erstaunlicher Leichtigkeit und Eleganz für die Mandoline um.

Schon Georg Friedrich Händel bediente sich bei seinen Kompositionen gerne früherer Stücke, wenn es darum ging, Neues zu schaffen. Dafür arrangierte er Stücke aus Oratorien oder Opern neu oder transkribierte sie. Beim „Prélude“ der diesjährigen Händel-Festspiele erklangen in der Evangelisch-Reformierten Kirche in Göttingen, einem tempelförmigen Kubus mit kreisförmig angeordneten ansteigenden Sitzreihen, Kompositionen Händels und Scarlattis, die ursprünglich für andere Instrumente geschrieben waren. Sariel, ein gekonnter Lehrer und Entertainer, spielte sie zusammen mit dem polnischen Cembalisten Marcin Świątkiewicz.

Das gut besuchte Stiftungskonzert bot einen Streifzug durch die Werke der beiden gleichaltrigen Komponisten. Mit Świątkiewicz hatte Sariel einen Partner für das Wechselspiel Händel vs. Scarlatti an seiner Seite, der die unterschiedlichen historischen Instrumente mit außergewöhnlicher Kunstfertigkeit zu spielen und das Publikum mit großer Virtuosität zu überzeugen verstand.

Beim Göttinger Programm demonstrieren beide die feinen Unterschiede zwischen den beiden jungen Musikern, dem Hallenser Händel und dem Neapolitaner Domenico Scarlatti, dem es erst nach dem Umzug an den Hof nach Portugal im reifen Alter gelingen sollte, sich aus dem Schatten seiner gefeierten Vaters Allessandro zu lösen. Heute verbinden viele Domenico fast automatisch mit seinen bezaubernden Cembalowerken voller Sprezzatura. So nannte man damals in Italien die mit lässiger Natürlichkeit und Mühelosigkeit präsentierten Stücke, die anstrengende Virtuosenkunst erfordern.

555 Sonaten sind in dieser Zeit entstanden, in denen er vermutlich in „privaten“ Diensten der Königin Maria Bárbara stand und sich fast ausschließlich dem Cembalo und der Komposition der Sonaten widmete. Auch privat war diese Zeit sehr produktiv. Nachdem der 42-jährige Scarlatti die 16-jährige Maria Caterina Gentili ehelichte, schenkte ihm diese fünf Kinder.

Das Thema „Händel vs. Scarlatti“ greift übrigens einen Wettbewerb der Tastenvirtuosen auf, den der kunstsinnige Pietro Ottoboni, ein Neffe von Papst Alexander VIII., der ihm als Kardinalnepote als „Rechte Hand“ die Organisation des Kirchenstaats abnahm. Der junge Händel war damals auf einer vierjährigen Studienreise durch Italien, wo er viele italienische Kollegen wie Corelli, Lotti und die beiden Scarlattis traf. Während Alessandro Scarlatti den jungen Händel durch sein Werk stark beeinflusste, das ihm als Vorbild für eigene Opern diente, begegnete er dem gleichaltrigen Scarlatti auf Augenhöhe und mit Respekt und freundete sich mit ihm an.

Der gebildete Kardinal Ottoboni hatte mit seinen Accademie poetico-musicali einen attraktiven Treffpunkt für die besten Komponisten seiner Zeit etabliert. Händels Biograph Mainwaring erzählt von dem Wettbewerb im Jahr 1707, den Händel an der Orgel für sich entscheiden konnte, während Scarlatti am Cembalo obsiegte.

Das erste Stück im Konzert, Domenico Scarlattis Sonate e-moll (K. 81) ist eines der wenigen mehrsätzigen Werke der Aufführung, die schon vom Komponisten für Soloinstrument und Basso Continuo komponiert wurden, aber auch Luft für größere Besetzung ließen.

Es eignete sich für die beiden Musiker hervorragend, ihr Können in lässiger Natürlichkeit erklingen zu lassen. Händels Suite f-Moll (HWV 433) für Cembalo solo kommt dagegen nicht unbedingt leicht und verspielt daher, sondern klingt der Tonart angemessen voll Pathos und kunstvoll geschichtet und man merkt es dem gelernten Organisten Händel an, dass er sie mit den wuchtigen Akkorden gekonnt orchestral aufpeppt.

Für die Sonate für Mandoline und Cembalo wurde sein beliebtes Orgelkonzert op. 4 Nr. 6 (HWV 294) transkribiert. Eigentlich hatte Händel es für Harfe komponiert, dann aber für Alexander’s Feast für Orgel überarbeitet. Leichtfüßig und elegant im Stil erfreute es auch in dieser Version die Zuhörer. Wer zuvor noch kein Freund der Mandoline war, hat seine Meinung angesichts der Virtuosität der beiden Künstler vermutlich revidiert. Auch in Sariels neues Pentatone-Album „Vienna Mandolin Stories“ hat er kreativ Musik von Mozart und Haydn transkribiert und neben Weltersteinspielungen zweier Kompositionen von Ernest Krähmer mit „Haydn’s Mandolin Concerto“ in C-Dur ein Pasticcio aus Kompositionen Haydns und seiner Zeitgenossen zum Konzert arrangiert – spannende und hörenswerte Anregung für die Ohren.

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